Unabhängig und überparteilich

Ich wohne jetzt in Berlin – also muss ich auch eine Berliner Tageszeitung im Haus haben. Online am besten, dann habe ich den Papiermüll nicht. Also ab ins Internet. Die Seite habe ich rasch gefunden und damit auch Geschenke zu Hauf. 10 Tage kostenlos testen, 30 Tage für 2 Euro. Alles schön und gut. Aber was kostet mich der Spaß im Normalfall?

Es stellt sich heraus, dass der Abo-Preis für Tageszeitungen im Allgemeinen und den Tagesspiegel im Speziellen gar nicht so einfach zu eruieren ist. Vermutlich liegt das daran, dass Nachrichten allenthalben scheinbar kostenlos erhältlich sind. „Scheinbar“ wohlgemerkt und nicht „anscheinend“!

Denn natürlich entstehen bei Recherche und Produktion von Berichterstattungen nicht unerhebliche Kosten. Nur die übernehmen schon lange die in der Zeitung werbenden Unternehmen. Und unsereiner wundert sich, dass zwischen „Lidl lohnt sich!“ und „Respekt, wer’s selber macht!“ ein nicht kommerzieller Artikel kaum noch auszumachen ist. Es liegt auf der Hand, dass so Abhängigkeiten entstehen, die eine freie Berichterstattung nachgerade unmöglich machen. Das macht die Journaille noch lange nicht zur „Lügen-Presse“

Klar muss uns aber auch sein, dass „unabhängige und überparteiliche“ Blätter bzw. auch die öffentlich-rechtlichen Sender ohne Werbeeinnahmen nicht den Hauch einer Überlebenschance hätten. Letztlich sind die Einnahmen aus Abonnements oder den Käufen am guten alten Zeitungskiosk nur noch etwas für die Portokasse (und die brauch inzwischen auch keiner mehr).

 

Erwähnenswert ist in dem Zusammenhang die stabile Existenz des „Le Canard enchaîné“, eine satirische Wochenzeitung aus Paris, die keinerlei Werbung enthält und sich komplett über den Verkauf finanziert. Der „Think-Piece- und Investigativ-Journalismus“ kommt an – sie verkauft jede Woche mehrere Hunderttausend Exemplare und wächst weiter. Als Verleger, der ja bekanntermaßen nicht ans Geldverdienen denkt, sondern allein die Freiheit des Wortes im Sinn hat, würde mich das nachdenklich machen.

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