Wo war ich? Alles war so sonderbar! Ein bisschen schwebend, ein bisschen neblig. Vor mir öffnete sich eine schwere Tür. Ein alter, großer, schlanker Mann mit einem wei0e Bart begrüßte mich freundlich:
„Albert! Wis schön! – Siehst Du, früher oder später kommt jeder hier hin. Bevor ich Dir Deinen Platz zeige, gehe doch eben noch mit Maria mit. Sie möchte Dir etwas zeigen.“
Anstandslos folgte ich der etwas gebückten, kleinen Frau. In kürzester Zeit hatten wir den Weg zu einem palastartigen Gebäude zurückgelegt, ohne dass es auch nur eines Schrittes bedurfte. Über dem eisernen, barock geschmiedeten Tor standen drei Buchstaben: NGW. Was hatte das alles zu bedeuten?
„Gehe einfach hinein!“, sagte Maria mit sanfter Stimme. So öffnete ich die schwere Tür mit großer Leichtigkeit.
Mich erwartete ein Raum von einer Höhe, die so gar nicht zu dem Gebäude passte, vor dem ich gerade noch gestanden hatte. Es war Oktogon mit einem Durchmesser, den ich nicht ermessen konnte und von einer Höhe, die nicht absehbar war. Dennoch war der Saal lichtdurchflutet.
„Wo sind wir hier?“, fragte ich, und Maria antwortete ruhig und freundlich:
„Wir sind hier im Archiv der „Nicht gesagten Worte. Wir sammeln hier alles, das hätte gesagt sein sollen, es aber nicht wurde. Wir schreiben es auf eine Karteikarte und ordnen die Worte dem zu, der sie hätte sagen sollen oder gar müssen zu. Ebenso dem, der die nicht gesagten Worte sich hätte anhören müssen.“
„Ich verstehe gar nicht.“, gestand ich.
Maria bewegte sich an die Wand gleich rechts neben der Tür, ohn auch nur einen Schritt zu setzen. Jetzt erst erkannte ich, dass alle Wände nur aus abertausenden von Schubladen bestanden. Maria zog eine offenbar beliebige Schublade heraus, entnahm ihr eine Karteikarte und las vor:
„Ich habe immer Deinen Erdbeerkuchen gegessen. Dabei mag ich gar keine Erdbeeren. Kirschen mag ich viel lieber.“
Maria erläuterte:
„Diese Worte stammen von Justus aus Nürnberg. Er starb in Deiner ehemaligen aber noch gewohnten Zeitrechnung vor 85 Jahren. Das Problem: Er hat sie nie gesagt. Er hat das mit in sein Grab genommen. Seine Frau Elisabeth hat sie nie gehört, hat sich nie darauf einstellen können, hat ihm nie einen Kirschkuchen gebacken.“
„Das ist ja ärgerlich.“, stellte ich lapidar fest.
„Ja, wir machen keinen Unterschied zwischen NGW, die historisch von Bedeutung waren und wenige bedeutsamen. Schau hier ist ein Satz, den der schwule Joshua nie gesagt hat. Das war in Eurer
Zeitrechnung 1921. Sie wurden nicht gesagt:
‚Adolf, Du bist ein wunderschöner Mann. Warum bist Du so hartherzig? Komm mit mir, und ich zeige Dir, wie schön es ist, sanft und liebevoll zu sein.‘
Vielleicht wäre die Weltgeschichte anders verlaufen, wenn Joshua sich das zu sagen getraut hätte.“
Maria fuhr fort:
„Die drei Wände dort sind reserviert für nicht gesagte Liebeserklärungen. – Weißt Du – Es gibt Worte, die wollen gesagt sein. Es reicht nicht, dass man davon ausgeht, der oder die jeweils andere weiß das schon. Nein, die Welt dreht sich anders, wenn sie ausgesprochen werden.“
Ich fing mich langsam:
„Du sagtest doch, dass alle hier gesammelten, nicht gesagten Worte dem, der sie hätte sagen sollen und dem, der oder die sie hätte hören sollen, zuzuordnen sind.“
„Ja.“
„Und ihr wisst doch bestimmt auch, wo sich die Seelen dieser Menschen (ich hatte inzwischen begriffen, dass ich tot war) befinden.“
„Ja.“
„Dann könntet Ihr doch diese Menschen einfach zusammenbringen und sie sagen lassen, was sie damals nicht gesagt haben.“
Sie lächelte sanft:
„Albert – dazu ist es zu spät. Das wirst Du doch verstehen.“
Ja, das verstand ich.
„Und warum führst Du mich hier hin?“
„Tja – darüber nachzudenken bleibt Dir jetzt viel Zeit.“
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